Vom Asphaltbild zum KI-Fake: 200 Jahre Fotografie und das Mandat des Archivwesens
(Fulda) - Zum 200-jährigen Jubiläum der Fotografie blickt der VdA – Verband
deutscher Archivarinnen und Archivare auf einen tiefgreifenden Wandel des
Mediums: Der Sprung vom dokumentarischen Abbild zur fiktiven Pixelkreation
durch KI stellt die Zuverlässigkeit visueller Quellen infrage. Neben dem Schutz vor physischem Verfall übernehmen Archive die entscheidende Aufgabe, die
Authentizität von Fotos zu prüfen und zu belegen.
Als der französische Chemiker Joseph Nicéphore Niépce vor beinahe 200 Jahren eine mit in Lavendelöl gelöstem Naturasphalt bestrichene Zinnplatte nach acht Stunden Belichtungszeit betrachtete, zeichneten sich grob die Umrisse der Gebäude des Gutshofes von Le Gras ab: die erste erfolgreich aufgenommene und erhaltene Fotografie der Welt. Mit der Erfindung der Fotografie entstand erstmals die Möglichkeit, Ereignisse, Personen und Orte scheinbar unmittelbar festzuhalten. Fotografien entwickelten sich rasch zu einem zentralen Medium gesellschaftlicher Selbstbeobachtung und historischer Überlieferung.
Bis die ersten Lichtbilder in Archiven landeten, vergingen aber noch einige Jahrzehnte: "Klassische Archive waren reine Text- und Urkundenlager. Die ersten Albuminabzüge oder Daguerreotypien, die Akten als Anhänge beigegeben wurden, vor allem zu Dokumentationszwecken, wurden wie Textdokumente behandelt. Spezialisierte Bildarchive, wie wir sie heute kennen, wurden im 19. Jahrhundert zuerst von Museen, Bibliotheken, Verlagen oder wissenschaftlichen Instituten angelegt, selten von staatlichen
Archiven", erklärt Dr. Michael Ruprecht, Vorsitzender des VdA – Verband deutscher Archivarinnen und Archivare.
Durch die Erfindung von handlicheren Kameras und Trockenplatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Fotografie mobil und massentauglich. Behörden begannen nun systematisch, vor allem Infrastrukturprojekte fotografisch zu dokumentieren. Spätestens in den 1970er und 1980er Jahren – parallel zur geisteswissenschaftlichen Debatte um die Erkenntnis, dass Bilder eigene historische Quellen und nicht nur Text-Illustrationen sind – etablierte sich die Fotografie als gleichberechtigte und primäre Quellengattung in den
Archiven. Seitdem gibt es in fast jedem deutschen Kommunal-, Landes- oder
Bundesarchiv eigene Fotomagazine, spezialisierte Restauratoren und standardisierte Erfassungsregeln für visuelle Medien. Heute bewahren deutsche Archive Millionen Fotografien – von Daguerreotypien und Glasplattennegativen bis zu digitalen Bilddateien.
Sie dokumentieren politische Entscheidungen, gesellschaftliche Entwicklungen,
Stadtbilder und persönliche Lebenswelten.
Die Herausforderung durch manipulierte Bilder ist keineswegs neu. Schon im 19. Jahrhundert wurden Fotografien retuschiert oder montiert. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit und Qualität, mit der heute künstliche Intelligenz vollständig erfundene historische Szenen erzeugen kann. Besonders problematisch wird dies, wenn solche Bilder ohne Kennzeichnung verbreitet und als authentische historische Aufnahmen wahrgenommen werden. Dies betrifft insbesondere sensible Themen der Zeitgeschichte. So wurden in den vergangenen Monaten KI-generierte Darstellungen zum Holocaust verbreitet, die historische Ereignisse scheinbar dokumentieren, tatsächlich aber nie
stattgefunden haben. In einer Welt der visuellen Beliebigkeit rücken Archivarinnen und Archivare als hochspezialisierte Expertinnen und Experten in den Fokus: Sie sichern nicht nur historische Quellen vor dem physischen Verfall, sondern sind in der Lage, Bildmaterial mit Methoden der visuellen Quellenkunde zu untersuchen: Neben bildforensischen Anhaltspunkten sind die Metadaten hinzugekommen - und auch eine KI hinterlässt strukturelle Fingerabdrücke in generierten Bildern, die ausgelesen werden können. „Hier
liegt das gesetzliche und gesellschaftliche Mandat des Archivwesens: Archive sichern nicht nur Bilder, sondern deren Herkunft, Entstehungszusammenhang und Überlieferung. Sie schaffen damit die Voraussetzungen dafür, dass Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit historische Aussagen auf einer verlässlichen und nachvollziehbaren Quellenbasis treffen können“, so Ruprecht.
Quelle und Kontaktadresse:
Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. (VdA), Thilo Bauer, Geschäftsführer(in), Wörthstr. 3, 36037 Fulda, Telefon: 0661 2910972
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