Wer die Verantwortung trägt, muss auch die Steuerung übernehmen: BVF weist Forderungen der Apothekerschaft nach einer Rolle in der Primärarztversorgung zurück
(München) - Der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF) weist die Forderungen der Apothekerschaft nach einer Rolle in der künftigen Primärarztversorgung deutlich zurück. Für den BVF sind die aktuellen Forderungen vor allem Ausdruck einer politischen Entwicklung, die bereits vor Monaten begonnen hat. Aus dem ursprünglich diskutierten Primärarztsystem ist zunehmend ein allgemeines Primärversorgungssystem geworden. Damit wurde der Fokus von ärztlicher Verantwortung und Steuerung auf einen immer weiter gefassten Versorgungsbegriff verlagert.
„Mit dem Wechsel vom Primärarztsystem zum Primärversorgungssystem wurde der Fokus von ärztlicher Verantwortung und Steuerung auf einen immer weiter gefassten Versorgungsbegriff verlagert. Die aktuellen Forderungen zeigen, wohin diese Entwicklung führt: Immer mehr Akteure beanspruchen Aufgaben der Steuerung für sich. Damit wird die ursprüngliche Idee eines Primärarztsystems konterkariert“, erklärt BVF-Präsident Markus Haist.
Die aktuelle Diskussion macht aus Sicht des BVF deutlich, dass das geplante Primärarztsystem zunehmend verwässert wird. Immer mehr Akteure reklamieren Aufgaben der ärztlichen Steuerung für sich. Das schafft keine Klarheit für Patientinnen und Patienten, sondern neue Unübersichtlichkeit.
„Wenn jede Berufsgruppe Primärversorger sein möchte, verliert der Begriff seinen eigentlichen Sinn“, so Haist weiter. „Die aktuellen Forderungen zeigen nicht die Stärke eines Primärversorgungssystems, sondern dessen grundlegendes Problem.“
Der BVF warnt davor, das ursprünglich angedachte Primärarztsystem durch zusätzliche Zuständigkeiten und Parallelstrukturen auszuhöhlen. Ziel eines Primärarztsystems ist die qualifizierte medizinische Steuerung von Patientinnen und Patienten. Dieses Ziel wird nicht erreicht, indem immer weitere Versorgungsebenen mit eigenen Zuständigkeiten geschaffen werden.
„Wer das ursprünglich angedachte Primärarztsystem durch ein vermeintlich günstigeres Primärversorgungssystem ersetzt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende niemand mehr klar sagen kann, wer eigentlich die Verantwortung trägt“, erklärt Dr. Frank Thieme, 2. Vorsitzender des BVF. „Steuerung setzt medizinische Verantwortung voraus. Apotheken und andere nichtärztliche Akteure leisten wichtige Beiträge in der Versorgung. Die Verantwortung für medizinische Ersteinschätzungen, Diagnostik, Therapieentscheidungen und den weiteren Behandlungsverlauf können und dürfen sie jedoch nicht übernehmen.“
Apotheken sind wichtige Partner in der Arzneimittelversorgung und Arzneimitteltherapiesicherheit. Daraus folgt jedoch kein Anspruch auf Aufgaben der primärärztlichen Steuerung. „Beratung ersetzt keine Diagnose. Ein Test ersetzt keine ärztliche Einordnung. Die Abgabe eines Arzneimittels ersetzt keine Behandlung“, betont Haist.
Zugleich wirft der BVF grundlegende Fragen auf, die bislang unbeantwortet sind. „Wer zusätzliche Testungen, Befunderhebungen und Ersteinschätzungen außerhalb ärztlicher Strukturen etablieren will, muss auch beantworten, wer die Verantwortung für Fehlbewertungen trägt und wie unnötige Doppeluntersuchungen, Fehlsteuerungen und zusätzliche Arztkontakte verhindert werden sollen“, so Thieme.
Gerade die Frauenheilkunde zeigt, was echte Primärarztversorgung bedeutet. Frauenärztinnen und Frauenärzte begleiten ihre Patientinnen häufig über Jahrzehnte hinweg und sind für viele Frauen die erste, wichtigste und oft einzige regelmäßig aufgesuchte ärztliche Anlaufstelle. Sie übernehmen Prävention, Krebsfrüherkennung, Impfungen, Schwangerschaftsvorsorge, Diagnostik, Therapieentscheidungen sowie die langfristige Begleitung ihrer Patientinnen in allen Lebensphasen. „Frauenarztpraxen sind keine nachgelagerte Facharztstation. Für Millionen Frauen sind sie bereits heute gelebte Primärarztversorgung“, erklärt Dr. Cornelia Hösemann, 3. Vorsitzende des BVF. „Frauenärztinnen und Frauenärzte begleiten ihre Patientinnen oft über Jahrzehnte hinweg. Sie tragen Verantwortung für Prävention, Früherkennung, Schwangerschaftsvorsorge, Impfungen, Diagnostik und Therapie. Wer die Verantwortung trägt, muss auch die Steuerung übernehmen.“
Der BVF fordert deshalb, Frauenärztinnen und Frauenärzte im geplanten Primärarztsystem ausdrücklich als Primärärzte zu verankern und den direkten Zugang zur frauenärztlichen Versorgung zu erhalten.
Nur ein echtes Primärarztsystem mit klaren ärztlichen Verantwortlichkeiten kann die Steuerungsfunktion erfüllen, die ursprünglich mit der Reform erreicht werden sollte.
Quelle und Kontaktadresse:
Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF), Agnes Tzortzis, Leiter(in) Verbandskommunikation, Arnulfstr. 58, 80335 München, Telefon: 089 244466-129
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