Pressemitteilung | Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF)
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BVF zur Welt-Kontinenz-Woche und zum Internationalen Inkontinenztag: Harninkontinenz bei Frauen gehört in die Sprechstunde – nicht in die Tabuzone

(München) - Ungewollter Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Sport, plötzlich einsetzender Harndrang, Unsicherheit beim Verlassen des Hauses, beim Sex, bei der Arbeit oder auf Reisen: Harninkontinenz kann Frauen in vielen Lebensbereichen erheblich belasten. Dennoch sprechen viele Betroffene lange nicht darüber, oft aus Scham, aus Unsicherheit oder weil sie glauben, Blasenschwäche gehöre nach Schwangerschaft und Geburt oder im höheren Alter einfach dazu. Zur heute startenden Welt-Kontinenz-Woche und zum Internationalen Inkontinenztag am 30. Juni betont der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF): Harninkontinenz bei Frauen ist kein persönliches Versagen und keine Hygienefrage. Sie ist ein häufiges medizinisches Symptom und oft gut behandelbar.

In Deutschland leiden nach Angaben der Deutschen Kontinenz Gesellschaft rund 10 Millionen Menschen unter unterschiedlich ausgeprägten Formen der Inkontinenz. Harninkontinenz sollte frühzeitig frauenärztlich abgeklärt werden, um die Ursachen richtig einzuordnen und eine entsprechende Behandlung einzuleiten. Bei adäquater Behandlung bestehen in vielen Fällen gute Besserungschancen – genannt werden 80 bis 90 Prozent.

Scham darf keine Versorgungshürde sein

Ziel der Welt-Kontinenz-Woche und des Internationalen Inkontinenztags ist, die Blasenschwäche aus der Tabuzone zu holen: Zu viele Frauen organisieren ihren Alltag um Toiletten, Einlagen oder die Sorge vor sichtbarem Urinverlust, anstatt medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„Viele Patientinnen kommen erst nach Jahren in die Sprechstunde und haben still und heimlich eine Inkontinenz ausgehalten, die etwa durch einen Beckenbodenschaden bei der Geburt verursacht wurde. Bereits das erste Gespräch kann eine große Entlastung sein,“ so Gynäkologe Dr. Thomas Fink, Leiter des Beckenbodenzentrums am Sana Klinikum Lichtenberg in Berlin. „Harninkontinenz darf nicht aus Scham verschwiegen werden. In der Sprechstunde kann das genauso angesprochen werden wie Schmerzen, Blutungsstörungen oder Wechseljahresbeschwerden.“

Nicht jede Inkontinenz ist gleich

Für die Behandlung ist entscheidend, welche Form der Harninkontinenz vorliegt. Bei der oft vorkommenden Belastungsinkontinenz zeigt sich der ungewollte Harnverlust typischerweise bei körperlicher Belastung, etwa beim Husten, Niesen, Lachen, Springen oder Heben. Dabei spielen Beckenbodenveränderungen eine Rolle, die nach Schwangerschaft und Geburt, bei Senkungsbeschwerden oder bei hormonellen Veränderungen in bzw. nach den Wechseljahren vorkommen. Bei einer Dranginkontinenz steht ein plötzlich einsetzender, kaum kontrollierbare Harndrang im Vordergrund. Viele Frauen haben auch Mischformen. Die aktuelle S2k-Leitlinie „Harninkontinenz der Frau“ beschreibt Harninkontinenz als häufiges Krankheitsbild mit möglichen körperlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Beeinträchtigungen.

„Harninkontinenz ist ein Symptom mit sehr unterschiedlichen Ursachen. Genau deshalb ist die sorgfältige Einordnung so wichtig“, sagt Dr. Thomas Fink, Mitautor der oben genannten S2k-Leitlinie. „Ein Urinverlust beim Husten oder Sport verlangt eine andere Betrachtung als plötzlich einsetzender Harndrang, wiederkehrende Harnwegsinfekte, Senkungsbeschwerden oder Schmerzen im Beckenbereich. Erst die genaue Anamnese, die gynäkologische Untersuchung und die Einordnung der Lebenssituation der Patientin ermöglichen eine Therapie, die wirklich passt.“

Erster Schritt: Sorgfältige Anamnese

In der frauenärztlichen Sprechstunde werden zuerst Art, Auslöser, Zeitpunkt und Ausmaß des Urinverlustes sowie zusätzliche Blasen-, Darm- oder Beckenbodenbeschwerden erfasst. Gezielte und standardisierte Fragen nach Leitlinie ermöglichen häufig bereits eine Einordnung in Belastungs-, Drang- oder Mischharninkontinenz. Treten zudem Schmerzen, Blut im Urin, wiederkehrende Harnwegsinfekte, Senkungsbeschwerden, kontinuierlicher Harnverlust auf oder existieren bereits vorausgegangene Beckenoperationen oder neurologische Grunderkrankungen, können von der Frauenärztin oder dem Frauenarzt weiterführende Diagnostik oder eine Überweisung in ein Beckenbodenzentrum erfolgen.

Frauenärztinnen und Frauenärzte begleiten viele Patientinnen oftmals über mehrere Jahre hinweg, für zahlreiche sind sie die naheliegendste erste Anlaufstelle: Verhütungsberatung, Kinderwunschberatung, Schwangerschaftsbetreuung, nach der Geburt, in den Wechseljahren, bei Schmerzen, im Rahmen der Krebsfrüherkennung oder bei wiederkehrenden urogenitalen Beschwerden. Gerade weil viele Patientinnen Blasenprobleme nicht von sich aus ansprechen, ist ein vertrauensvoller ärztlicher Rahmen wichtig.

Behandlung: leitliniengerecht, stufenweise und individuell

Die Behandlung der Inkontinenz richtet sich nach Beschwerdebild, Lebensphase, Leidensdruck, Begleiterkrankungen und Therapieziel der Patientin. Häufig stehen zunächst konservative Maßnahmen im Vordergrund: „Zu einer konservativen Therapie gehören gezieltes Beckenbodentraining, Blasentraining, Lebensstilmaßnahmen wie eine Gewichtsreduktion bei Übergewicht oder auch eine Reduktion von übermäßigem Koffeinkonsum, bei postmenopausalen Frauen in bestimmten Fällen auch eine lokale Östrogenbehandlung. Bei einer Drang- oder Mischkontinenz sieht die Leitlinie Blasentraining als erste Therapie. Bei einer Belastungs- und Mischharninkontinenz steht das Beckenbodentraining über mindestens drei Monate, idealerweise über einen viel längeren Zeitraum im Fokus“ ergänzt Dr. Fink.

Hilfsmittel wie Inkontinenzvorlagen können den Alltag verbessern, auch die Nutzung eines Pessars kann für Frauen infrage kommen. Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen, sind medikamentöse oder operative Verfahren ebenso in Betracht zu ziehen. Auch hier gilt: Nicht die Methode steht am Anfang, sondern die Diagnose. Operationen sind bei bestimmten Konstellationen sehr sinnvoll, aber nur nach sorgfältiger Diagnostik, Aufklärung und individueller Nutzen-Risiko-Abwägung.

Quelle und Kontaktadresse:
Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e.V. (BVF), Agnes Tzortzis, Leiter(in) Verbandskommunikation, Arnulfstr. 58, 80335 München, Telefon: 089 244466-129

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