Pressemitteilung | Baden-Württembergischer Handwerkstag e.V.
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Wieder mehr Handwerksbetriebe: Quantität nicht gleich Qualität

(Stuttgart) - „Im Laufe dieses Jahres dürften wir die Grenze von 130.000 Betrieben überschreiten“, erwartet der Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT), Hartmut Richter. Der Zuwachs der bei den acht Kammern registrierten Betriebe, der bereits in den Jahren 2004 und 2005 festzustellen war, habe sich allerdings leicht abgeschwächt.

Die Zahl der Handwerksbetriebe im Land stieg um 3.141 (Vorjahr: 3.963) und lag Ende 2006 bei 127.884 Betrieben. Mit dem in den letzten drei Jahren feststellbaren Gründungsüberschuss folgt das Handwerk einer Entwicklung in der Gesamtwirtschaft. Allerdings handle es sich bei den Wenigsten um innovative Gründungen, stellte Richter fest. Häufig seien es Gründungen aus einer schwierigen Situation heraus als Alternative zur Arbeitslosigkeit. Mit der Förderung von Ich-AGs und dem Überbrückungsgeld seien in den letzten beiden Jahren wesentliche Impulse in der Arbeitsmarktpolitik gesetzt worden. Das weitgehende Auslaufen dieser Fördermaßnahmen im Jahr 2006 dürfte nach Richters Einschätzung einer der wesentlichen Gründe für die inzwischen wieder nachlassende Gründungsdynamik in der Gesamtwirtschaft und im Handwerk sein.

Die steigende Zahl der Existenzgründungen sei aber auch ein Effekt der Handwerksnovelle 2003, mit der bei 53 der insgesamt 94 meisterpflichtigen Handwerksberufe die Meistervoraussetzung gestrichen wurde, sagte Richter. Die Gründung eines Unternehmens in diesen Handwerken war damit weder an die Ablegung einer Meisterprüfung noch an eine andere Gesellenprüfung gebunden. Dies nutzten mit der zum 1. Mai 2004 erfolgten EU-Osterweiterung insbesondere zahlreiche Osteuropäer, denen als Arbeitnehmer zwar der Zutritt zum deutschen Arbeitsmarkt weiterhin verwehrt blieb, nicht aber als selbstständig Tätige.

Der Gründungszuwachs, stellte Richter fest, stamme fast ausschließlich aus dem Bereich der nicht mehr meisterpflichtigen Handwerksberufe und konzentriere sich hier im Wesentlichen auf drei Handwerke. Die Fliesenleger, die Gebäudereiniger und die Raumausstatter stellten mit 1.812 neuen Betrieben rund 60 Prozent aller Neugründungen im Handwerk und im B1-Bereich über 80 Prozent des Zuwachses. Dabei falle auf, dass es sich bei den Neugründungen um Unternehmen mit eher geringem Kapitalbedarf, aber hoher Arbeitsintensität handle: „Eine Voraussetzung, die zahlreiche Osteuropäer mitbrachten und die sich insbesondere mit dem Gewerk des Fliesenlegers anmeldeten.“ Mehr als ein Drittel der Neuanmeldungen beim Fliesenlegerhandwerk in den Jahren 2005 bis 2006 gehören zu dieser Gruppe.

Richter: „Viele dieser Betriebe bewegen sich unter dem Gesichtspunkt der Stabilität auf dünnem Eis.“ Während beim Durchschnitt aller Handwerke jährlich vier bis fünf Prozent der Betriebe wieder aus dem Markt ausscheiden, stieg diese Quote bei den vom Gründungsboom betroffenen meisterfreien Handwerken auf mehr als das Doppelte an. Dies bleibe nicht ohne Auswirkungen auf die Entwicklungsstruktur des Handwerkes insgesamt, befürchtet Richter. Die Betriebe hielten sich in der Regel über einen preisaggressiven Verdrängungswettbewerb am Markt. Sie erwirtschaften Erträge, die den individuellen Lebensunterhalt dieser Ein-Mann-Unternehmen absicherten, unternehmerische Kapitalbildung finde in der Regel aber nicht statt. Damit fehle diesen Betrieben zum einen die Basis für technologische und marktbezogene Innovation. Zum andern könnten sie als Ein-Mann-Unternehmen ohne jegliche Dispositionsfreiheit bei den täglich zu bearbeitenden Auftragsinhalten keinen Beitrag für die Ausbildung der jungen Generation leisten. Richter: „Gleichzeitig ziehen sie aber Auftragsvolumen von den Betrieben ab, die bisher in der Ausbildung tätig sind und reduzieren dort nachhaltig die Basis für die Ausbildungsfähigkeit.“ Er befürchte in den betroffenen Branchen in den kommenden Jahren einen rapiden Rückgang der Ausbildungsfähigkeit.

Quelle und Kontaktadresse:
Baden-Württembergischer Handwerkstag (BWHT) Eva Hauser, Referentin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Heilbronner Str. 43, 70191 Stuttgart Telefon: (0711) 26 37 09-0, Telefax: (0711) 263709-100

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