Verbändereport AUSGABE 9 / 2011

„Dem Engagement eine Stimme geben“

Eine Gesprächsreihe mit Experten: Claudia Rutt, Vorstand des GND e.V. Generationen Netzwerk für Deutschland

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Claudia Rutt ist Vorstand des Generationen Netzwerk Deutschland GND e.V. in Bonn. Dieser noch junge Verein bietet seinen Mitgliedern – nicht nur, aber vor allem den über 50-Jährigen – umfassende Informationen und Beratung rund um die Themen Pflege, Finanzen, Vorsorge, Gesundheit, Beruf und Freizeit. Mit der Zeit soll dazu ein bundesweites Freiwilligennetzwerk entstehen. Hat so ein Hybridmodell exemplarischen Charakter für Verbände? Henning von Vieregge im Gespräch mit Claudia Rutt.

VR: Der GND ist etwas Neues. Was ist der GND?

Rutt: Der GND ist ein Hybrid-Modell: Zum einen sind wir eine Anlaufstelle. Die Menschen, unsere Mitglieder, können uns anrufen und wir helfen ihnen, alltägliche Situationen zu meistern. Zum anderen bauen wir ein Freiwilligen-Netzwerk auf: GND lokal. Wir suchen dabei nicht Menschen für eine vorgegebene Agenda, sondern Menschen mit Agenda. Wir versuchen, jene, die sich bis jetzt noch nicht intensiv mit dem Ehrenamt beschäftigt haben, anzusprechen.

VR: Das Hybrid-Modell besteht also aus einer Beratungsorganisation und einer freiwilligen Selbsthilfeorganisation. Kann man sagen: Das Beratungsmodell ist ein ganzheitliches Beratungsmodell, das der Lebenssituation einer 50-Plus-Generation dient?

Rutt: Es ist fast etwas vermessen, das so zu behaupten. Wir haben uns gefragt: was treibt die Menschen am meisten an, was sind deren Hauptthemen? Und das sind unsere fünf Ressorts: Beruf und Bildung – es kann ja sein, dass ich bis 70 arbeiten muss und mich als erfahrener Arbeitnehmer noch mal verändern will. Wir wollen die Menschen motivieren, aktiv etwas zu tun, wenn sie sich im Job unwohl fühlen; wir bieten Beratung in diesem Feld (z. B. wie bewerbe ich mich, wenn ich älter bin; wie bekomme ich noch eine Fortbildung u.Ä.). Dann Vorsorge und Finanzen mit dem Thema: Wie kann man finanziell unabhängig sein bis ins hohe Alter? Natürlich der Bereich Gesundheit und Pflege mit solchen Fragen: Was passiert, wenn ein naher Angehöriger plötzlich zum Pflegefall wird, was ist dann zu tun? Und schließlich Freizeit und Lifestyle sowie Liebe und Freundschaft.

VR: Und das Ganze in der Rechtsform eines Vereins?

Rutt: Ja, und ab Januar 2012 als ein gemeinnütziger Verein.

VR: Warum in dieser Konstruktion?

Rutt: Weil wir das Hybrid-Modell sind. In der Freiwilligen-Welt ist die Gemeinnützigkeit ein Siegel dafür, dass man keine Profit-Organisation ist, sondern dass es darum geht, etwas für das Gemeinwohl zu tun. Was wir auf der Beratungsseite anbieten, ist dabei nicht hinderlich. Im Gegenteil, denn auch dies geschieht zum Wohl der Mitbürger.

VR: Pate ist der ADAC?

Rutt: Der Verein wurde vom ADAC gegründet, der ADAC leistet auch die Anschubfinanzierung, d. h. auch die Gründungsmitglieder kommen aus den Reihen des ADAC. Vorbildfunktion hat der berühmte AARP-American Association for Retired People.

VR: Der Verein hat einen Vorstand, nämlich Sie. Um an eine Beratung zu kommen, wird man bei Ihnen Mitglied. Heißt das, ich als Mitglied könnte Sie dann wählen?

Rutt: Sie als Privatperson können Einzelmitglied werden. Dann haben Sie bei der Mitgliederversammlung Antrags- und Rederecht. Der Vorstand wird vom Beirat bestellt. Die Anlaufstelle für eine Mitgliedschaft finden Interessierte bei den GND-Lokal-Büros und natürlich über unsere Zentrale in Bonn.

VR: Ist das ähnlich wie beim ADAC?

Rutt: Die ADAC-Struktur ist sehr viel komplexer, weil es eben ein Verein mit 17 Millionen Mitgliedern ist.

VR: Man kann für den Beratungs-Service nicht einzeln bezahlen, sondern wird Mitglied, zahlt einen Beitrag und hat dafür die Möglichkeit, sich zu Fragen der Generation 50 Plus zu informieren. Warum sind Sie diesen Weg gegangen?

Rutt: Das Vorbild AARP und die anderen Organisationen dieser Art wählten genau die gleiche Konstruktion. Es soll verdeutlichen: Hier kann ich mitmachen, kann kommentieren, vorschlagen, fordern, etwas bewegen. Also Interaktion, das ist mehr als nur die reine Beratung. Selbstverständlich ist aber auch „nur“ die Beratung abrufbar. 

VR: Sie sagten, der ADAC leistet die Anschubfinanzierung. Soll sich zunächst die Beratungsseite finanziell tragen?

Rutt: Nein, das ganze Hybrid-Modell soll sich tragen. Da wir gemeinnützig werden, haben wir auch die Möglichkeit, über GND Lokal, also bei der Freiwilligen-Arbeit, Spendenaufrufe vor Ort zu machen oder Organisationen einzubinden, die lokal ein Interesse haben, unsere Organisation zu unterstützen. Langfristig werden wir Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen, aus Unternehmens-Kooperationen und aus Kooperationen mit Vereinen haben. Die Einnahmen nutzen wir, um die Mitgliederleistungen weiter auszubauen.

VR: Was meinen Sie mit Unternehmenskooperationen?

Rutt: Wir wollen auch für Unternehmen ein Partner sein, insbesondere für den Mittelstand, deren kleine Personalabteilungen gar nicht so spezialisiert sein können. Aber es kommen immer mehr neue Fragen auf: neben Elternzeit oder Kinderbetreuung zum Beispiel die Pflege der Eltern. Und dann stellt sich im Unternehmen die Frage: Wie geht man solche Themen an, wie kann man beraten, wie kann man neue Arbeitszeitmodelle entwickeln? Betriebe wollen Facharbeitskräfte länger halten – dabei wollen wir Partner für Unternehmen werden und Kooperationen schließen. Wir bieten an, dass die Mitarbeiter bei uns Vereinsmitglied werden und damit auf unsere Beratungskompetenzen zurückgreifen können.

VR: Noch reden wir weitgehend über Ihre Pläne. Wie lange sind Sie jetzt am Markt?

Rutt: Unsere Website haben wir im April geschaltet, unsere Start-Pressekonferenz war Mitte Mai 2011.

VR: Das heißt, Sie sind sehr am Anfang. Das Problem bei solchen Gründungen ist ein Kreislauf: Habe ich genug Mitglieder, um interessant zu sein; bin ich interessant genug, um genug Mitglieder zu bekommen?

Rutt: Richtig. Wir haben sehr viel Vorarbeit geleistet. Aber man muss auch nicht alles neu erfinden. Die Themen, die nachgefragt werden, ändern sich laufend. Ich bin schon lange davon überzeugt, dass das Thema Pflegeversicherung ein Topthema werden wird. So muss man aufmerksam beobachten, was zu unseren Themenbereichen gerade aktuell auf dem Markt ist und wo die Leute Interesse an Unterstützung haben. 

VR: Sie haben sicher durch Ihre Forschung recherchiert, wann gewissermaßen der Sog, GND-Mitglied werden zu wollen, übermächtig wird.

Rutt: Da gibt es schon Studien. Am meisten interessieren sich die Leute zwischen 45 und 60 für Vereine, wer das bis dahin nicht gemacht hat, wird es auch nicht mehr tun.

VR: Haben Sie dann als GND nicht ein doppeltes Problem: Generell ist die Vereinsfreude der Deutschen im Zuge der Individualisierung etwas gesunken und Ihre Zielgruppe sind die Älteren. Was macht Sie optimistisch?

Rutt: Ich glaube, dass wir die Themen gut erfasst haben. Je stärker sich der demografische Wandel auswirkt, desto mehr rutschen die Leute in diese Falle, nicht mehr alles allein managen zu können. Sie brauchen Unterstützung. Uns wird es gelingen, klar zu machen, dass wir für sie ein Service sind. Man muss nicht im Internet surfen, nicht viele unterschiedliche Service-Telefone anrufen und sich durchhecheln, sondern das Mitglied ruft bei uns an und bekommt von uns die Unterstützung. Zunächst müssen wir aber noch bekannter werden, damit unser Unterstützungsangebot überhaupt abgerufen wird. Der GND muss den Menschen mit dem richtigen Thema zum richtigen Zeitpunkt erwischen. Darum ist Öffentlichkeitsarbeit ganz wichtig. Wir stellen die Breite des Angebots dar und es macht bei den Leuten Klick: Es sind Themen, bei denen wir unseren Mitgliedern helfen können.

VR: Geben Sie eine Zielzahl bekannt, bei der Sie sicher sind, dass Sie den Durchbruch haben?

Rutt: Ich denke, eine schlagkräftige Relevanz haben wir ab 50.000, das wäre schon eine starke Gemeinschaft. Und über 100.000 geben wir den Menschen mitten im Leben auch eine gewaltige Stimme. Zwischen 50.000 und 100.000 kann man sich sicher sein, dass man auf dem richtigen Weg ist.

VR: Wird der GND vor allem durch Empfehlungen wachsen?

Rutt: Ja, weil wir sehr stark verdrahtet sein werden.

VR: Bringt die Freiwilligen-Arbeit vor Ort mehr oder zusätzliche Qualität gegenüber klassischer Öffentlichkeitsarbeit?

Rutt: Zwei wichtige Gründe für diesen Ansatz sind: Erstens erreichen wir so die Menschen in der Mittelschicht, die nicht unbedingt auf Information und Beratung in den Neuen Medien zurückgreifen. Zweitens wissen wir aus Studien, dass die Menschen gerne freiwillig tätig werden wollen. Sie haben vielleicht auch die Sorgen und Nöte des Alters, aber sie wollen aktiv bleiben. Viele suchen eine sinnvolle Tätigkeit, die Spaß macht. Wir bieten ihnen eine Perspektive, wie man engagiert auch über den Beruf hinaus tätig sein kann. Und das, wenn man will, schon zu einem frühen Zeitpunkt, sodass man sich auf später vorbereiten kann.

VR: Auf lokaler Ebene werden die Projekte definiert?

Rutt: Das sind eigene Projekte, die zentral von Bonn gesteuert werden. Vor Ort arbeiten wir mit Kommune oder Gemeinde zusammen, damit wir wissen, was eigentlich gebraucht wird. Das wird mit den Wünschen der Freiwilligen verzahnt. Auch soll das, was wir national oder zentral anbieten, vor Ort erlebbar sein. Aber primär sind es die Freiwilligen, die ihre Themen einbringen. Und wir steuern das Ganze.

VR: Sie meinen also, dass trotz aller Bemühungen verschiedener Institutionen und Vermittleragenturen es immer noch ungehobene Schätze in dieser Generation gibt?

Rutt: Ja! Absolut. Wir sind überrollt worden von Anfragen. Es kommen viele konkrete Angebote: Ich habe gute Kontakte, ich möchte mich engagieren und bei uns in der Gemeinde etwas bewegen. Zum Beispiel der Verein in Mainz (Ambiente, Wohnen und Leben e.V.), der die Demenz-Wohn-WG eingerichtet hat und betreut.

VR: Was bieten Sie dann an?

Rutt: Der Verein hat sich bei uns gemeldet – und jetzt kooperieren wir und eröffnen in dessen Haus ein GND Lokal-Büro. 

VR: Und was ist Ihr Punkt und was ist deren Punkt?

Rutt: Für den Verein ist es interessant, dass wir qualifizierte Beratung für die Demenzerkrankten bzw. deren Angehörige anbieten können. Für uns ist interessant, dass wir damit jemanden haben, der lokal gut vernetzt in einem für uns wichtigen Themenfeld arbeitet. So bauen wir ein nationales Netzwerk auf. Klassisches Beispiel: Man lebt in München und die Eltern leben in Mainz. So kann man auch bei dieser Distanz etwas organisieren. 

VR: Ihr Konzept setzt auf Freiwilligkeit. Brauchen Sie für die Büroleitungen nicht jenen Typus Freiwilligen, der zunehmend schwerer zu bekommen ist, nämlich den Ehrenamtler, der verlässlich über einen längeren Zeitraum zur Verfügung steht?

Rutt: Wir machen die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die gerne organisieren und strukturieren. Die melden sich ja auch bei uns – sie haben Spaß, so etwas zu machen. Die anderen sollen das tun, wozu sie Lust haben. Es gibt ja auch Menschen, die sagen: Ich würde ja gerne was tun, aber ich weiß nicht, was. Das kann man in einem Gespräch sehr schnell herausbekommen: Ach Sie interessieren sich für Kunst, Sie haben sogar eine Ausbildung, warum machen Sie nicht Vorträge oder beschreiben Sie mal Bilder? Es ist erstaunlich, was Leute leisten, wenn sie sich mit einer Idee identifizieren. Natürlich brauchen wir Verbindlichkeit. Aber man kann auch nur dreimal im Jahr was machen. Man kann auch sagen, ich mache immer drei Monate Urlaub. Drei Monate bin ich da, und dann wird das in diesem Rhythmus eingeplant. Man kann auch sagen, ich backe einmal im Jahr zu Weihnachten Plätzchen, das ist auch in Ordnung. Aber das ist dann verbindlich.

VR: Was ist der Job der Zentrale beim Aufbau dezentraler Büros?

Rutt: Der GND stellt den Kontakt zur Kommune her, wenn er nicht schon vorhanden ist, er bittet den Bürgermeister um Hilfe bei der Vernetzung, um Unterstützung, auch was Büroräume angeht, auch um Mithilfe bei der Werbung weiterer Freiwilliger. Der GND stimmt auch ab, was es vor Ort schon gibt und was nicht. Wir versuchen, die Ideen der Freiwilligen mit den Bedürfnissen vor Ort zu koordinieren, und zwar so, dass die Leute zufrieden sind, wenn sie tolle Ideen haben. Aber man muss auch sehen, dass es zum Gemeinwohl passt und was in der Region gebraucht wird. 

VR: Bezogen auf den Beratungsbedarf: Was passiert vor Ort, was durch die Zentrale?

Rutt: Der Beratungsbedarf ist ja vorhanden, das wissen wir ja. Aber vor Ort finden die Menschen einen persönlicher Ansprechpartner. Und wenn jemand eine Spezialberatung will, wird das an GND national an den entsprechenden Mitarbeiter weitervermittelt.

VR: Es gibt also neben den speziellen lokalen Projekten ein gewisses Basisangebot an Informationen, das dann alle Büros in gleicher Weise haben – kann ich es mir so vorstellen?

Rutt: Wir können zwar nicht sicherstellen, dass wir in jedem Büro jemand haben für Vorsorge und Finanzen. Das kann sich zufällig ergeben. Aber die Büros können immer auf die Kompetenz der Zentrale zurückgreifen.

VR: Also hat der GND lokal viele Gesichter, ist aber immer der GND?

Rutt: Ja. Aber das ist auch das, was die Leute eigentlich treibt. Wir haben im Moment zehn Büros, wir eröffnen jetzt aber zügig weitere. Interessant ist, dass die Freiwilligen auch an den Vernetzungen untereinander, also von Büro zu Büro, interessiert sind. Was macht ihr, wie macht ihr das? Dieser Erfahrungsaustausch ist auch total wichtig.

VR: Freiwilligkeit braucht Hauptamtlichkeit. Reicht es, die Hauptamtlichen nur in der Zentrale zu haben?

Rutt: Unsere Abteilung GND Lokal hält eine enge Verbindung zu den Freiwilligen vor Ort. Wir richten die Büros ein, wir suchen auch vor Ort Büros, es sei denn, wir bekommen z. B. einen Raum von der Gemeinde gestellt. Wir richten die Büros im GND-Look ein – man erkennt immer, dass es ein GND-Büro ist. Die Freiwilligen können immer auf die Kompetenz in der Zentrale zurückgreifen, sie bekommen bei uns auch eine Schulung. Dabei geht es um Fragen wie: Was heißt es, freiwillig tätig zu sein, im Team zu arbeiten, mit Konflikten, Sorgen und Nöten umzugehen, auf was lass ich mich ein? Und: Wer ist der GND, was macht er?

VR: Woran merke ich als Freiwilliger, dass ich mit meinen Anliegen und meinem Engagement ernst genommen werde, und dass es lohnt, ohne Geld das zu tun, während andere dafür bezahlt werden?

Rutt: Zum einen ist es die Freiheit, das zu tun, was man will. Die Freiwilligen können sich ja auch Themen aussuchen, die sie unterstützen wollen, wenn z. B. die Gemeinde darauf aufmerksam gemacht hat, dass dort eine Notwendigkeit besteht. Es ist ja nicht so, dass wir hinkommen und sagen: „Wir verdonnern Sie jetzt dazu, unser Vereinsblättchen oder den Newsletter zu schreiben.” Sondern ein Freiwilliger kommt und sagt: „Am liebsten spiele ich Klavier.” Und dann überlegt man gemeinsam: Kann man was aus dem Klavierspielen machen? Und dann ist es seine Idee, sein Baby. Wir sind im Grunde nur der Service, damit es funktioniert. Oder wir helfen ihnen, ihr Talent umsetzen zu können. Der Lohn – und das ist ja immer gleich beim Ehrenamt – ist letztlich das, was man an Anerkennung vor Ort bekommt.

VR: In die Zukunft geschaut, was ist Ihre Wunschvorstellung?

Rutt: Dass wir mit den Freiwilligenbüros bundesweit präsent sind. Wir haben dieses Jahr 20 Büros geplant, im nächs-ten Jahr wollen wir bei rund 100 stehen. Wenn wir in fünf Jahren 500 hätten, wäre das genial. Aber ich finde, 100 wäre schon mal eine ganz gute Abdeckung. 

VR: Was bedeutet GND für die Vision einer starken Zivilgesellschaft?

Rutt: Der GND kann mit einer relevanten Zahl von Mitgliedern helfen, Engagement der Bürger aufzubauen und zu vertreten. Der GND kann diesem Engagement eine Stimme geben. Wir sind eine Gesellschaft, die immer vieles von oben bekommen hat. Es hat immer geregnet und wir haben es genommen, und wenn es dann weniger geregnet hat, hat man geschrien. Ich glaube, man muss die Leute dazu führen, umzudenken, wieder aktiv zu werden, sich für Dinge einzusetzen. Denn wenn kein Geld da ist oder keine Arbeitskräfte, muss man umdenken. Der Bürger ist wieder viel mehr gefordert. Über die lokalen Büros kann man auch eine nationale Stimme werden. 

VR: Der ADAC ist die Stimme des Autofahrers. GND wäre dann die Stimme der Generation 50 Plus mit Zukunftsperspektive?

Rutt: Der ADAC ist die Stimme der Mobilität in Bezug auf das Auto, der GND ist die Stimme der Mobilität der anderen Aspekte: Geist, Seele, Körper, Mobilität bis ins hohe Alter.

VR: Bedeutet diese Ausrichtung, dass der GND in seinem Tätigkeitsfeld verdeut-licht, wenn politisch falsche Weichenstellungen drohen?

Rutt: Absolut! Durch diese Struktur mit den LokalBüros wissen wir zum einen, was die lokalen Themen der Menschen sind. Das sind meistens auch nationale Themen. Durch die Freiwilligen und deren Arbeit wissen wir, was die Menschen bewegt, weil sie nah am Bürger sind. Wir sind damit weg von der Anonymität. Auf der nationalen Ebene sind wir  anonymer, vielleicht sieht man mal einen Mitarbeiter im Bild oder im Interview. Aber vor Ort sind wir greifbar. So kann man uns seine Stimme geben, und das können wir national auch vehement vertreten.

VR: Zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Groß-Organisationen – ich nehme mal die Kirche – Mühe haben, sich in der Region und auch lokal zu halten, und auch oft unter Sparzwängen aus der Regionen rausgehen, vor allen Dingen aus der ländlichen Struktur, da fangen Sie an, so etwas aufzubauen. Ist das nicht erstaunlich?

Rutt: Vielleicht hat die Kirche es verpasst, vor Ort noch diese Heimat zu sein wie früher. Dabei hat die Kirche sehr stark familiäre Strukturen aufgebaut und sie auch gelebt. Aber vielleicht hat sie zu wenig auf die neuen Strukturen in der Gesellschaft, auf die Entwicklung der modernen Familien reagiert. Ich glaube, das können wir zum Teil schon auffangen.

VR: Sie sagen, wir versuchen, eine Organisation aufzubauen, die sich selber trägt und lokale Strukturen schafft. Das heißt, dass ins Zivilgesellschaftliche ein marktwirtschaftlicher Ansatz eingefügt wird.  

Rutt: Ich drücke es mal anders aus: Wir sind zu einem Zeitpunkt gegründet worden, zu dem mehr und mehr öffentliche Mittel versiegen. Es gibt unglaublich spannende, interessante Organisationen, die sich auch schon mit Teilsegmenten dessen beschäftigen, was der  GND anbietet. Aber viele sind abhängig von der öffentlichen Hand. Wenn das Geld nicht mehr da ist, müssen sich die Organisationen umstellen. Und es ist nicht immer wirtschaftlich gedacht worden. Unser Vorteil ist, dass wir gar nichts von der öffentlichen Hand haben wollen. Das heißt, wenn wir überleben und groß werden wollen, müssen wir andere Wege gehen. Ich finde das auch richtig. Ich finde es toll, wenn der Staat Anschubfinanzierungen gibt. Ich finde es beeindruckend, was schon alles auf den Weg gebracht wurde. Darüber weiß man eigentlich viel zu wenig.

VR: Zum Beispiel?

Rutt: Die infrastrukturellen Hilfen, die für zivilgesellschaftliche Organisationen wie Senioren-Liga, Senioren-Büros, Freiwilligen-Agenturen usw. aufgewendet werden. Aber vieles haben die Bürger nicht wirklich in der Breite wahrgenommen, sondern nur die, die zufällig da gelandet sind. Und viele Organisationen haben es nicht geschafft, eigenständig zu werden. Und dann wird geklagt, weil nicht mehr viel Geld da ist. Ich komme auch aus einer Organisation, in der lange geklagt wurde, aus der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS. Die Schwester meines Mannes hatte Leukämie. Da gab es keine Spenderdatei, es gab nichts, aber wir haben nicht gejammert, sondern haben es einfach gemacht und die DKMS gegründet. Mit Geldspenden. Wir haben dann auch mal eine Anschubfinanzierung vom Bund bekommen, aber wir haben die Organisation letztlich auf eigene Beine gestellt. Das geht. Und die Menschen sind auch bereit, dafür etwas zu geben. 

VR: Im Unterschied zur DKMS hat der GND aber eine große Themenbreite, nicht ein Thema. Ist es nicht schwieriger, eine solche Organisation aufzubauen, Mitglieder und Unterstützer zu gewinnen?

Rutt: Die meisten Organisationen wie unsere mit einem bestimmten Anliegen entstehen aus einer Not. Das gibt ihnen auch die größte Dynamik. Wenn Sie sich vergleichbare Organisationen in Europa ansehen, hat es immer einen Grund für die Gründung gegeben. Die Menschen sind auf die Straße gegangen und haben einen Verein gegründet. Man kann natürlich sagen, die Not des demografischen Wandels ist auch verdammt groß und man muss den Menschen sagen: Dir muss klar sein, du wirst nicht mehr so leben wie deine Eltern oder Großeltern, du musst dich umstellen. Aber letztlich rede ich immer über etwas, was sich nicht heute, sondern erst in einiger Zeit auswirkt. Wenn dieses Schmerzhafte, das Problem, erkannt wird, bekommen wir ganz schnell viele Leute hinter uns. Durch Betroffenheit. Aber man kann es ja auch positiv sehen. Bei uns ist Mitgliedschaft vor allem eine rationale Entscheidung.

VR: Das macht Ihre Aufgabe nicht einfacher! Wenn man an Verbände und Interessenorganisationen denkt, was ist das, was, wenn das GND-Modell läuft, auf diese Organisationen abstrahlen könnte?

Rutt: Dass man solche Modelle heute noch entwickeln kann, dass sie lebensfähig sind. Dass man Menschen etwas zurückgibt. Dass man es auch heute noch schafft, eine Organisation zu bilden, die sich zum Sprachrohr der Bürger formiert. Das könnte schon abstrahlen. Ich glaube schon, dass die eine oder andere Organisation die Chancen hat, sich modern aufzustellen, auch wenn es oft heißt, die Menschen hätten immer weniger Interesse und engagieren sich nicht. Wir machen da andere Erfahrungen. 

VR: Interessenorganisationen könnten lernen, dass einer neuen Form doch wieder Interessen organisiert werden können?

Rutt: Genau!

VR: Braucht man, um diese Idee ganz stark in den Köpfen zu verankern, nicht doch so eine Art großer Idee? Die große Idee einer nachbarschaftlich-freundlichen Gesellschaft; Sie haben vorhin den Begriff Heimat gewählt.

Rutt: Wenn Sie jetzt nach meinem Wunsch oder meiner Vision fragen, dann ist das natürlich das Aufbrechen klassischer Strukturen und das Bilden von Heimat. Wir wollen dieses Gefühl vermitteln: Wir lassen dich nicht alleine, wir sind für dich eine Heimat. Das was dir die Großmutter früher gegeben hat, findet nun auf einer anderen Ebene statt. 

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Autor

Henning von Vieregge

ist u. a. Buch- und Hörbuchautor, Blogger (www.vonvieregge.de), Lehrbeauftragter an der Universität Mainz sowie Verbändecoach. Von Vieregge war viele Jahre Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Kommunikationsagenturen (GWA).

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