BVMed-Innovationskonferenz: Medizintechnischer Fortschritt braucht Partnerschaften von Krankenhäusern, Krankenkassen und Industrie
(Berlin) - Die Medizintechnologiebranche bietet große Chancen für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland. Das sagte Hartmut Schauerte, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, auf der BVMed-Konferenz Fortschritt erLeben zum medizintechnischen Fortschritt am 17. September 2008 in Berlin. Ein wichtiger Punkt sei, die Kostensenkungspotentiale durch MedTech-Innovationen aufzuzeigen, um damit neues Wachstum generieren zu können. Für die MedTech-Branche sei es extrem wichtig, dass Innovationen schnell in die Anwendung kommen betonte der BVMed-Vorstandsvorsitzende Dr. Meinrad Lugan, Vorstand der B. Braun Melsungen AG. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die MedTech-Unternehmen mit Produkten, die jünger als drei Jahre sind. Durchschnittlich werden neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert, informierte BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt die rund 100 Teilnehmer der Innovationskonferenz.
Redner von Krankenkassen und Krankenhäusern betonten die Notwendigkeit, den Nutzen moderner Medizintechnologien für die Patienten besser nachzuweisen. Dazu gehören für Prof. Dr. Jens Ricke, Klinikdirektor des Universitätsklinikums Magdeburg, prospektive Studien, die zeigen, welche Vorteile die Innovation für den Patienten hat. Ein solcher Beweis sei künftig die Grundlage für die Kostenübernahme. Die Industrie darf Ärzte und Krankenhäuser hier nicht alleine lassen, so sein Appell. Moderator und Krankenhausexperte Prof. Heinz Lohmann sah als Zukunftsmodell von Innovationsentwicklungen eine enge Systempartnerschaft von Krankenhäusern und Industrie an. Dr. Thomas Schürholz von der Gmünder Ersatzkasse (GEK) plädierte für eine engere Zusammenarbeit mit der Industrie bei Versorgungsforschungsprojekten, die den Versorgungsalltag abbilden. Wir brauchen dabei Kooperationen zwischen Krankenkassen und Industrie, so der Krankenkassenmanager. Industrievertreter Wolfgang Frisch von Medtronic stimmte zu und sprach sich für die verstärkte Bildung von Netzwerken aus, um Therapiekonzepte unter Einbeziehung der Krankenkassen und der Industrie zu gestalten.
BVMed-Vorstandsvorsitzender Dr. Meinrad Lugan und Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Joachim M. Schmitt betonten zu Beginn der Konferenz die Bedeutung der MedTech-Branche für Wirtschafts- und Innovationskraft sowie Arbeitsplätze in Deutschland. Der Schlüssel zu MedTech-Innovationen sei eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Ärzten und Unternehmen. Zudem spiele der Zeitfaktor bei der Innovationseinführung eine große Rolle, da die Produktzyklen sehr kurz seien und die Branche oftmals mit Schrittinnovationen wichtige Verbesserungen für die Patientenversorgung herbeiführe. Als Beispiel für eine faszinierende MedTech- Innovation nannte Schmitt den Herzschrittmacher, der genau vor 50 Jahren erstmals in einem Menschen implantiert wurde. Dieser Motor des Lebens sei in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert worden.
Moderator Prof. Heinz Lohmann sah als Ausweg für die Kostendiskussion im Gesundheitsmarkt die stärkere Beschäftigung mit den Themen Produktivität und Wettbewerb. Wir brauchen mehr Wettbewerb um Qualität, denn das ist für die Menschen am wichtigsten. Die Tendenz zur Kostenvermeidung verlangsame Innovationen unnötig.
Wirtschafts-Staatssekretär Hartmut Schauerte stellte das enorme Wachtums- und Beschäftigungspotential der Gesundheitswirtschaft heraus. In der Gesundheitswirtschaft gibt es mehr Beschäftigte als im Handwerk. Folglich müsse diese zentrale Branche auch in den Mittelpunkt der Begleitung durch die Wirtschaftspolitik gestellt werden. Wichtig sei es, die Kostensenkungspotentiale durch Innovationen der Medizintechnologie aufzuzeigen. Bei der Forschungsförderung habe die Bundesregierung gute Akzente mit einem Jahresbetrag in Höhe von 670 Millionen Euro gesetzt. Auch die Bewilligungsquote sei höher als früher. Medizintechnik sei zudem ein Schwerpunkt der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Wir müssen neue Akzeptanz und Schwerkraft auf das Thema Gesundheitswirtschaft und Medizintechnologien setzen, so Staatssekretär Schauerte.
Harald Büttner, Projektmanager bei der TSB Medici Technologiestiftung Berlin, und Stefan Kürbis, Marketingchef bei World of Medicine (W.O.M.) stellten das MedTech-Netzwerk der Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg vor. Ziel ist es, die Region Berlin-Brandenburg durch Bündelung der Kompetenzen zu einem international anerkannten Zentrum für Medizintechnik zu entwickeln. Die vier Schwerpunktthemen sind Bildgebung, Herz-Kreislauf, Onkologie und Telemedizin. Als beispielhaftes Projekt stellte Kürbis die Instrumentenentwicklung für die offene Hochfeld-Magnetresonanz-Thomographie vor. W.O.M. entwickelte dafür eine MRT-taugliche Endoskopiekamera. Ein weiteres Projekt in der Umsetzung ist ein neuer Videostandard für endoskopische Aufnahmen für die minimalinvasive Chirurgie. Das Fazit von Büttner und Kürbis: Netzwerke wie das medtecnet-BB von TSB ermöglichen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) einen besseren Zugang zu Kliniken und Forschungseinrichtungen. Die Entwicklung und Erprobung innovativer Medizintechnologien kann so für KMU und Kliniken intensiviert und beschleunigt werden. Innovative Medizintechnologien können auf diese Weise für Patienten schneller nutzbar gemacht werden.
Auf die Bedeutung der Versorgungsforschung für die Patientenversorgung mit modernen Medizintechnologien gingen Dr. Thomas Schürholz, Leiter des Medizinischen Versorgungsmanagements der Gmünder Ersatzkasse (GEK), und Wolfgang Frisch, Direktor Reimbursement bei Medtronic, ein. Sie stellten ein Versorgungsforschungsprojekt mit Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz vor. Bei der erforschten MedTech-Innovation handelt es sich um ein neues Diagnosesystem zur Widerstandsmessung innerhalb des Brustkorbes, um festzustellen, ob sich Wasser in der Lunge befindet. Dies ist ein Frühindikator für schwere Ereignisse bei den Patienten. Die Diagnosefunktion ist in dem modernen Schrittmacherimplantat enthalten. Die Initialkosten für die Operation und Implantierung sind höher. Die Studie zeigte aber, dass die Gruppe mit dieser Innovation die geringsten Kosten verursacht, so Dr. Schürholz. Der Grund liegt in der Verhinderung von teuren Krankenhauseinlieferungen. Denn zwei Drittel der Kosten für Patienten mit einer ausgeprägten Herzinsuffizienz werden durch Krankenhausaufenthalte verursacht. Dr. Schürholz: Versorgungsforschung ist damit eine notwenige Ergänzung zur klinischen Forschung, da damit der Versorgungsalltag abgebildet wird. Wir brauchen dabei Kooperationen zwischen Krankenkassen und Industrie. Frisch ergänzte: Diese MedTech-Innovation spart Kosten ein und verbessert die medizinische Versorgung. Dies könne ohne zusätzliche externe Organisationseinheiten wie beispielsweise Call-Center erreicht werden. Therapieanpassungen können mit der Innovation schnell auf Grundlage gesicherter Information getroffen werden. Zudem bleiben die Patientendaten in Händen der behandelnden Ärzte.
Eine Produktinnovation aus der Neurostimulation stellte Dr. Andreas Hahn, von Otto Bock Healthcare Products vor. Er beschrieb die Einführung einer Neuroprothese in die Schlaganfallrehabilitation. Schlaganfälle seien derzeit das teuerste Krankheitsbild in Deutschland und betreffe rund 250.000 Menschen pro Jahr. Ein Drittel bleibe behindert oder pflegebedürftig. Für die schlaganfallinduzierte Fußheberschwäche entwickelte Otto Bock eine implantierbare Neuroprothese zur Mobilisierung der Patienten. Dieses innovative MedTech-Verfahren steigere die Lebensqualität in erheblichem Maße. Die Nachweisführung zum therapeutischen Nutzen erfordere eine differenzierte Betrachtung der Methodik. Es liege dabei in der Verantwortung des Unternehmens, klinische Partner für die Einführung von Innovationen in die Praxis zu finden. Es stehe außer Frage, dass MedTech-Innovationen, die Kosten verursachen, den Nutzen für die Patienten nachweisen müssen. Unklar sei die richtige Methodik.
Auf die immer bedeutender werdende Adipositastherapie ging Dr. Thomas P. Hüttl, Oberarzt am Klinikum Großhadern der Universität München, ein. Übergewichtige Patienten sind im Durchschnitt dreimal so teuer wie normalgewichtige Patienten. Bei schwerer Adipositas helfen konservative Maßnahmen nicht weiter. Hier sei die Adipositas-Chirurgie - Magenballon, Magen-Bypass, Magenband oder Schlauchmagen derzeit die einzig effektive Therapie. Adipositas-Chirurgie sei auch nach einem längeren Zeitraum eine effektive Methode. Die Sterblichkeit werde drastisch reduziert. Operierte Patienten seien nach fünf Jahren um den Faktor fünf bis zehn günstiger. Deutschland sei in der Adipositas-Chirurgie allerding Entwicklungsland, so Dr. Hüttl. Pro 100.000 Einwohner gebe es in den USA 50 Operationen, in Belgien 49, in Frankreich 33, in Deutschland nur zwei. Das liege größtenteils an der Hürde der Einzelfallprüfung. Es dauere in der Regel neun bis zwölf Monate, bis ein Antrag genehmigt werde. Die restriktive Entscheidungspraxis in Deutschland müsse dringend überprüft werden. Das mache auch ein neuer HTA-Bericht deutlich. Sein Fazit: Die Kliniken sind auf das Problem Adipositas noch nicht vorbereitet. Wir brauchen ein ganzheitliches Therapiekonzept, wir brauchen spezialisierte Zentren mit adipösengerechter Ausstattung.
Prof. Dr. Jens Ricke, Klinikdirektor des Universitätsklinikums Magdeburg, und Thomas Holzmann, Geschäftsführer von AGA Medical Deutschland, erläuterten am Beispiel des Vascular Plugs den Eingang eines kostensparenden Therapiekonzepts in die medizinische Versorgung. Das Implantat wird mit Hilfe eines Katheters ins Herz eingeführt und verschließt beispielsweise angeborene Herzdefekte. Krankenhaus und Unternehmen führten zu dem Vascular Plug eine prospektive Studie im Vergleich zum Standardverfahren durch. Das Ergebnis: Die Durchleuchtungszeit und die Eingriffszeit können gesenkt werden. Die Kontrastmittelmengen können nach einer kurzen Lernphase reduziert werden. Die Kosten der Embolisation sinken um 30 Prozent. Aus Sicht von Prof. Ricke sind Faktoren für eine erfolgreiche Markteinführung, dass die MedTech-Unternehmen die Ärzte, Krankenkassen und die Krankenhausdirektorin überzeugen. Dazu gehören die richtigen Argumente, also prospektive Studien, die zeigen, welche Vorteile die Innovation für den Patienten hat. Ein solcher Beweis sei die Grundlage für die Kostenübernahme: Gute Daten sind nötig, um den Vorteil zu beweisen.
Dr. Dominik Franz von der DRG-Research Group des Universitätsklinikums Münster beleuchtete die Berücksichtigung innovativer Medizinprodukte im DRG-System am Beispiel der Orthopädie. Die Weiterentwicklung des DRG-Systems und der Kalkulation limitieren den Spielraum für die Innovationsfinanzierung aus dem System heraus. Der Weg über Anträge zu Neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUBs) ist zwar gangbar, muss jedoch flexibilisiert und modifiziert werden, so Dr. Franz. So spiegeln die NUBs derzeit nicht die Innovationen in der Endoprothetik wieder. Weitere Möglichkeiten der Innovationsfinanzierung wie Patientenzuzahlungen und Innovationszuschläge haben seiner Meinung nach erhebliche Nachteile und seien mittelfristig nicht umsetzbar.
Die Oberärzte Dr. Dirk Rasche und Dr. Sebastian Spuck der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck stellten MedTech-Innovationen in der Schmerztherapie vor. Große Fortschritte gibt es in der Neuromodulation, beispielhaft vorgestellt an der epiduralen Rückenmarkstimulation (spinal cord stimulation = SCS). Dabei wird das Rückenmark mit Hilfe von elektrischen Impulsen erregt, um den Schmerzimpuls zu eliminieren. Hierzu liegen auch ausreichend Studien mit für invasive Verfahren recht hohen Evidenzstufen vor. Die europäischen Leitlinien empfehlen daher auch bereits die Neuromodulationsverfahren. Zu den Innovationen in diesem Bereich gehören, dass die Implantate kleiner und leistungsfähiger werden und die Patienten über einen höheren Bedienkomfort der Geräte wieder aktiv am Leben teilnehmen können, bis hin zur Berufsausübung, so Dr. Rasche. Auf die Finanzierung der Neuromodulation im G-DRG System ging Dr. Spuck ein. Die Neuromodulation sei nur teilweise finanziell abgesichert. Je nach Diagnose, Nebendiagnosen und Implantat könne eine positive Bilanz bei stationärer Behandlung erzielt werden. In den überwiegenden Fällen seien die Kosten der Implantate alleine durch die Zusatzentgelte jedoch nicht gedeckt. Teurere wiederaufladbare Impantate seien daher nur im Rahmen von ambulanten Implantationen empfehlenswert, die das Klinikbudget nicht belasten. Hier gebe es jedoch einen erhöhten organisatorischen Aufwand.
Wie kann ein kleineres Krankenhaus aus der Innovationsfalle herauskommen? Seinen Ansatz der sektoralen Verschmelzung stellte Peter Quaschner, Geschäftsführer der Aller-Weser-Klinik, vor. Das Management der hoch defizitären Aller-Weser-Klinik wurde Anfang 2007 von der PRO|DIAKO gGmbH übernommen. Neben der Marken- und Leuchtturmbildung war einer der erfolgreichen Ansätze das Konzept des Praxisklinikums. Ziel sei das Krankenhaus ohne sektorale Trennung. Die Verhandlungen mit Krankenkassen und niedergelassenen Ärzten seien schnell erfolgreich gewesen. Mittlerweile seien Praxen aus der Chirurgie, der Orthopädie und der Gastroenterologie angesiedelt. Durch das Praxisklinikum konnte der Bereich der Grund- und Regelversorgung gestärkt und gesichert werden. Im stationären Bereich setze man auf hoch spezialisierte Einheiten.
Moderiert wurde die BVMed-Konferenz von dem Berater in der Gesundheitswirtschaft, Prof. Heinz Lohmann aus Hamburg.
Quelle und Kontaktadresse:
Bundesverband Medizintechnologie e.V. (BVMed)
Manfred Beeres, Referent, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Reinhardtstr. 29b, 10117 Berlin
Telefon: (030) 246255-0, Telefax: (030) 246255-99
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