Pressemitteilung | Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV) - Hauptstadtbüro Berlin
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Deutschlands Verteidigung und Zivilschutz brauchen krisenfeste Mobilität

(Berlin) - Eisenbahn und öffentlicher Personennahverkehr sind mehr als Verkehrsträger – sie sind Teil der Sicherheitsarchitektur Deutschlands. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen macht mit seinem neuen Positionspapier „Krisenfeste Mobilität: Eisenbahn, Bus und Infrastruktur für Verteidigung, Zivil- und Katastrophenschutz“, das auf der VDV-Jahrestagung 2026 in Karlsruhe vorgestellt wurde, deutlich: Resilienz und Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif.

Politik muss klare Zuständigkeiten schaffen, verlässliche Finanzierung sichern und ausreichende Personalressourcen bereitstellen. VDV-Präsident Ingo Wortmann betont: „Eisenbahn und ÖPNV sichern nicht nur Mobilität, sondern im Ernstfall staatliche Handlungsfähigkeit, Versorgung und Schutz der Bevölkerung. Wer Sicherheit und Resilienz ernst nimmt, muss Bahnen, Busse und ihre Infrastrukturen deshalb als Teil der Sicherheitsarchitektur Deutschlands behandeln – mit klaren Zuständigkeiten, ausreichend Personal und verlässlicher Finanzierung.“

Für Verteidigungsfähigkeit und Versorgungssicherheit ist die Eisenbahn das zentrale System: Sie ermöglicht schwere und großvolumige Transporte für militärische Verlegungen über strategische Korridore und Grenzübergänge hinweg. Damit die Schiene diese Rolle zusätzlich zu ihren bestehenden Aufgaben erfüllen kann, braucht es ein funktionstüchtiges, redundantes Infrastrukturnetz: Leistungsfähige Korridore, insbesondere für den Güterverkehr, belastbare Brücken, flexible Knoten, ein geschütztes Bahnstromsystem, resiliente Leit- und Sicherungstechnik sowie ausreichende Möglichkeiten zur Wiederherstellung von beschädigter Infrastruktur sind essenziell. Gleichermaßen ist der Erfolg militärischer Mobilität abhängig von einer ausreichenden Zahl rollenden Materials sowie von abgestimmten betrieblichen Prozessen und geschultem Personal: Nur wenn Triebfahrzeugführerinnen und Triebfahrzeugführer, Fahrdienstleiter, Mitarbeitende in Betriebsleitzentralen sowie technische und betriebliche Personale routiniert im Umgang mit Krisensituationen sind, bleiben betriebliche Abläufe auch im Notfall sicher aufrechterhalten. Vor diesem Hintergrund muss die Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und der Eisenbahn- und Busbranche gestärkt werden.

Deutlich wird der Handlungsdruck auch bei der Elektrifizierung: In Deutschland sind derzeit nur rund 60 Prozent des Netzes elektrifiziert. Das politische Ziel liegt bei mindestens 75 Prozent bis 2030. Besonders eklatant ist der Elektrifizierungsbedarf bei Grenzübergängen, die im Rahmen von Europäischen Verlegungen von Personal und Material zu besonderen Nadelöhren werden. So sind bislang sind nur 28 von 57 Grenzübergängen elektrifiziert, wobei der größte Nachholbedarf an den Grenzen nach Polen und zur Tschechischen Republik besteht.

Eisenbahn: Resilienz braucht Redundanz

Elektrifizierung ist ein zentraler Hebel für Leistungsfähigkeit und Krisenfestigkeit, entfaltet ihre Wirkung aber nur, wenn Systemwechselbahnhöfe, universell einsetzbare Lokomotiven und interoperable Leit- und Sicherungstechnik mitgedacht werden. Nur so lassen sich betriebliche Brüche vermeiden und grenzüberschreitende wie auch Umleiterverkehre im Krisenfall zuverlässig organisieren. Klimafreundliche Antriebe senken nicht nur die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, sondern arbeiten auch energetisch und betrieblich effizienter. Jedoch darf Elektrifizierung keine neuen Verwundbarkeiten schaffen. Deshalb braucht es redundante Bahnstromanlagen, mobile Umspann- und Schaltanlagen, Ersatztransformatoren sowie Rückfall- und Ersatzkonzepte für Stellwerke, Betriebssteuerung und Sicherungstechnik. Hinzu kommt: In Deutschland sind über 3 500 Stellwerke in Betrieb, ihre Technik stammt aus elf Jahrzehnten. Die Modernisierung dieser Schlüsselanlagen ist deshalb eine Voraussetzung für ein widerstandsfähiges Eisenbahnsystem.

Wortmann: „Ein leistungsfähiges Eisenbahnsystem war in Deutschland historisch nie nur Infrastruktur für Verkehr, sondern immer auch Grundlage für Versorgung, staatliche Handlungsfähigkeit und Resilienz. Genau daran müssen wir heute anknüpfen: Eine Eisenbahn, die im Krisenfall trägt, ist auch im Alltag robuster, leistungsfähiger und nützlicher für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Stellwerke mit Systemen von vor 100 Jahren haben deswegen keinen Platz mehr.“

ÖPNV: Sicherheit braucht Vorbereitung

Im Zivil- und Katastrophenschutz sichert der ÖPNV Grundmobilität, ermöglicht Evakuierungsfahrten, organisiert Sonderverkehre und hält Städte und Regionen funktionsfähig. Betriebshöfe, Werkstätten, Abstellhallen, Freiflächen, Haltestellen und unterirdische Stationen können im Ernstfall zudem als Logistikstützpunkte, Bereitstellungsräume, Schutzorte oder Versorgungsflächen dienen. Gleichzeitig steht der ÖPNV schon im Normalbetrieb unter erheblichem Druck: Der Branche fehlen rund 20 000 Busfahrerinnen und Busfahrer sowie mindestens 3 000 Triebfahrzeugführerinnen und Triebfahrzeugführer.

Ukraine: Doppelnutzungsmerkmale des ÖPNV

Wie konkret dieser Dual-Use-Charakter ist, zeigen die Erfahrungen aus der Ukraine. Dort werden Metrostationen als Schutzräume genutzt, Busse für Evakuierung und Versorgung eingesetzt und Haltestellen als sicherheitsrelevante Orte mitgedacht. Sichtbar wurde dabei auch, wie wichtig vorbereitete Betriebshöfe, belastbare Redundanzen und handlungsfähiges Personal sind – gerade dann, wenn elektrische Systeme ausfallen oder beschädigt werden. Zivilschutz beginnt deshalb nicht erst im Ereignisfall, sondern mit vorbereiteten Strukturen, Reserven und Abläufen.

Für den ÖPNV bedeutet das politisch: Elektrifizierung und alternative Antriebe bleiben richtig und notwendig, doch auch in Blackout- oder Störungsszenarien muss ausreichend Beförderungsleistung verfügbar bleiben. Deshalb müssen neben Notstromversorgung und gesicherten Kommunikationswegen auch konventionell betriebene Fahrzeuge und die zugehörige Tankinfrastruktur verfügbar bleiben. Wortmann: „Die Erfahrungen aus der Ukraine führen uns sehr klar vor Augen, dass der ÖPNV in Krisen weit mehr ist als Mobilität im Alltag. Wo Metrostationen zu Schutzräumen werden, Busse Evakuierung und Versorgung sichern und Haltestellen Teil der Sicherheitsarchitektur sind, wird deutlich: Ein krisenfester ÖPNV ist aktiver Zivilschutz – und dafür brauchen wir vorbereitete Infrastrukturen, belastbare Redundanzen und ausreichend qualifiziertes Personal.“

Politik: Verantwortung klar ordnen

Der VDV fordert Bund und Länder auf, militärische Mobilität, Zivilschutz und Krisenresilienz im Verkehrssektor als staatliche Aufgabe verbindlich zu verankern und vollständig zu finanzieren. Das Positionspapier bündelt dafür acht politische Maßnahmen – von verbindlicher Finanzierung über erweiterte Planung und resiliente Schieneninfrastruktur bis hin zu technisch abgesicherter Betriebsfähigkeit, systematischer Personalentwicklung und praxistauglicher Governance. Für die Eisenbahn sind dabei strategische Korridore, Grenzübergänge und Energieversorgung entscheidend, für den ÖPNV Schutzorte, Evakuierungskapazitäten und betriebliche Vorsorge. Zugleich macht der VDV deutlich, dass klassische Nutzen-Kosten-Bewertungen Resilienz, Redundanz und Dual-Use-Anforderungen bislang oft nicht ausreichend oder auch gar nicht abbilden. Planung und Priorisierung müssen sicherheitspolitische Anforderungen deshalb systematisch stärker berücksichtigen. „Wenn der Staat von Eisenbahn und ÖPNV im Krisenfall zusätzliche Leistungen erwartet, dann muss er auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Wir brauchen verbindliche Finanzierung, belastbare Planung, klare Zuständigkeiten und ausreichend Personal. Resilienz entsteht nicht auf dem Papier, sondern durch verlässliche Strukturen und konkrete Vorbereitung“, so Wortmann abschließend.

Das VDV-Positionspapier „Krisenfeste Mobilität: Eisenbahn, Bus und Infrastruktur für Verteidigung, Zivil- und Katastrophenschutz“ steht unter vdv.de/positionen bereit.

Quelle und Kontaktadresse:
Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (VDV) - Hauptstadtbüro Berlin, Lars Wagner, Pressesprecher(in), Leipziger Platz 8, 10117 Berlin, Telefon: 030 399932-0

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