Wenzel fordert Kehrtwende in der Schulpolitik / BLLV-Präsident Wenzel appelliert mit Blick auf die CSU- Klausur in Kreuth an die Abgeordneten, Ergebnisse des Bildungsberichtes 2009 für tiefgreifende Reformen zu nutzen
(München) - Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat mit Blick auf die Klausur der CSU- Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth eine Kehrtwende in der bayerischen Schul- und Bildungspolitik gefordert. "Allein das im Bayerischen Bildungsbericht 2009 vorgestellte Datenmaterial ist Anlass genug, Schule in Bayern neu zu denken", erklärte er. Mit den bislang angekündigten Maßnahmen wie z.B. der Grundschulreform und den damit verbundenen neuen Übertrittsregelungen, Gelenkklassen oder Mittelschulen, werden Probleme wie soziale Ungerechtigkeiten, regionale Disparitäten, demografischer Wandel oder veränderte Schülerströme nicht gelöst - im Gegenteil: viele neue werden geschaffen. "Zu häufig lösten in der Vergangenheit Ankündigungen zur künftigen Schul- und Bildungspolitik in Bayern bei Eltern und Lehrern Verwirrung, Verunsicherung und Ablehnung aus." Dass sich die CSU- Landtagsfraktion zu Beginn des neuen Jahres auch mit bildungspolitischen Fragen auseinander setzen will, sei begrüßenswert. "Allerdings erwarten wir konkrete Ergebnisse, die tiefgreifende und pädagogisch sinnvolle Reformen zur Folge haben müssen. Überflüssiges muss rasch abgeschafft werden", forderte Wenzel heute (11. Januar 2010) in München. "Eine wertvolle Grundlage für die CSU- Diskussion könnten die alarmierenden Ergebnisse des Bayerischen Bildungsberichtes 2009 sein."
Der Bayerische Bildungsbericht 2009 legt es erneut offen: das hochselektive bayerische Schulsystem kann nicht angemessen auf Herausforderungen der Zukunft reagieren. Als Beispiel nannte Wenzel die nach wie vor erschreckende Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund. So sind die Übertrittsquoten ausländischer Kinder nach der Grundschule in Realschulen und Gymnasium nur halb so hoch wie die der deutschen. Besonders benachteiligt sind Kinder aus Familien, die als sog. Gastarbeiter über Jahrzehnte angeworben wurden. Die größte Gruppe unter ihnen, türkische Kinder, sind am stärksten benachteiligt.
Übertritte aus der Grundschule in die weiterführenden Schulen nach Nationalität:
Nationalität / in - Gymnasien - Realschulen - Hauptschulen
Deutsche (N = 118.300) - 39 Prozent - 23 Prozent - 37 Prozent
Ausländer (N = 11.400) - 19 Prozent - 11 Prozent - 66 Prozent
davon: Türken (N = 4.400) - 11 Prozent - 10 Prozent - 78 Prozent
Die frühe Auslese wird auch in hohem Maß von der sozialen, wirtschaftlichen und regionalen Herkunft beeinflusst. So weist der Bildungsbericht für jede kreisfreie Stadt und jeden Landkreis die Übertrittsquoten aus - woraus ersichtlich wird, dass in Gebieten mit überdurchschnittlich wohlhabender und hochqualifizierter Bevölkerung Kinder weit häufiger ein Gymnasium besuchen als in insgesamt ärmeren und ländlich geprägten Regionen: Im Landkreis Freyung-Grafenau traten 2007 nur 25,7 Prozent in ein Gymnasium über, im Landkreis München waren es dagegen 56,5 Prozent. Mit den Übertritten in die Hauptschule verhält es sich umgekehrt: Im Landkreis München waren es nur 24,5 Prozent, in der Stadt Schweinfurt 54 Prozent. "Das Ministerium hat zu diesen extremen Schwankungen noch keine Erklärung vorgelegt, geschweige denn eine Lösung", sagte Wenzel.
7 Prozent der Angemeldeten versuchen ohne Empfehlung der Grundschule über den Probeunterricht das Gymnasium zu erreichen, an der Realschule sind es gar 36 Prozent. "Wenn der Kultusminister bei der Vorstellung des Berichts dann noch betont, dass eigentlich 48 Prozent der Grundschüler eine Eignungsempfehlung für das Gymnasium erhalten hätten, aber nur 37,1 Prozent übergetreten seien (PM vom 11.11.2009), macht das komplette Verfahren der Auslese keinen Sinn", betonte Wenzel. "Die Datenlage stellt nicht nur Verfahren und Zeitpunkt der vermeintlich begabungsgerechten Auslese in Frage, sondern die Auslese an sich - zumal die Folgen gravierend sind: Kinder und Eltern aller sozialen Schichten stehen unter Druck, ertragreiches Lernen wird verhindert."
Als weiteres Stichwort nannte Wenzel die viel beschworene "Durchlässigkeit" des bayerischen Schulsystems, also das Verhältnis der Auf- und Abstufungen. Im Bildungsbericht wird behauptet, dass unter den Schulartwechslern auf eine Aufstufung drei Abstufungen erfolgen. Dabei sind die Übertritte nach Jahrgangsstufe 6 und 7 in die Wirtschaftsschule mit eingerechnet. Der Begriff der Durchlässigkeit bezieht sich aber nur auf begonnene Schullaufbahnen, also den Wechsel zwischen Haupt- und Realschule sowie Gymnasium. Liest man den Bildungsbericht unter diesem Aspekt, stehen einem Schüler, der in eine höhere Schulart aufsteigt, elf Schüler entgegen, die sich "verschlechtern" und z.B. von einem Gymnasium auf eine Real- oder Hauptschule wechseln müssen. Jungen werden dabei häufiger "abgeschult" als Mädchen, ausländische Kinder öfter als deutsche. "Wer angesichts dieser Zahlen von einem flexiblen, offenen und durchlässigen Schulsystem spricht, muss die eigenen Befunde schlichtweg ignorieren", erklärte der BLLV- Präsident.
Zu den alarmierenden Missständen, die der Bildungsbericht offen legt, kommen noch die vielfach unverändert schlechten Lern- und Arbeitsbedingungen an den Schulen und frühkindlichen Einrichtungen sowie der absehbare Einbruch in der Unterrichtsversorgung aufgrund extremen Lehrermangels hinzu. Wenzel: "Alle diese Probleme sind nicht neu, sinnvolle Lösungen lassen aber immer noch auf sich warten." Die CSU- Landtagsfraktion dürfe sich nicht länger scheuen, eine grundlegende Schul- und Bildungsreform einzuleiten. Dazu gehörten die Einführung eines neuen Lern- und Leistungsbegriffs an allen Schulen, die Förderung aller Kinder von Anfang an, und eine drastische Erhöhung der Bildungsausgaben, vor allem aber die Abschaffung des hochselektiven und damit ungerechten Bildungssystems.
Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
Pressestelle
Bavariaring 37, 80336 München
Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155
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