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Das Wissen der Älteren

Flexibilität Kontra Fachkräftemangel – wie Verbände die Generation 50+ neu entdecken

Autor: Henning von Vieregge
Verbändereport 08|2014, am 05.11.2014

Die Rentenreform der Großen Koalition stellt die Personalpolitik vieler Unternehmen vor neue Herausforderungen. Fachleute gehen davon aus, dass allein in diesem Jahr 240.000 Erwerbstätige Anspruch auf die sogenannte Rente mit 63 haben. Für viele Unternehmen und Verbände bedeutet dies, dass erfahrene Mitarbeiter ausscheiden und damit wertvolles Know-how verloren geht. Der Fachkräftemangel wird sich dadurch weiter verschärfen. Doch während Konjunkturexperten vor den negativen Folgen für das deutsche Bruttoinlandsprodukt warnen, machen kluge Unternehmer und Verbände das einzig Richtige. Sie kümmern sich mithilfe neuer Ansätze und spezieller Webportale um praktische Lösungen. Mit Erfolg: Statt über Fachkräftemangel können sie nun über den Zuwachs von erfahrenen Fach‐ und Führungskräften berichten.

Es ist das bislang teuerste Projekt der Großen Koalition: die Rente mit 63. Arbeitnehmer, die 45 Beitragsjahre vorweisen, können ohne Abschläge in den Ruhestand gehen. Die Kehrtwende in der Rentenpolitik verschärft den Fachkräftemangel, der zahlreiche Unternehmen ohnehin bereits vor gewaltige Probleme stellt. „Viele Arbeitgeber wissen nicht, wie sie den Abgang erfahrener Fach- und Führungskräfte kompensieren können“, erklärt Marion Kopmann, Gründerin des Businessportals Masterhora, das auf erfahrene Fach- und Führungskräfte spezialisiert ist. Schon heute können rund eine Million offene Stellen nicht besetzt werden. Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting (BCG) fehlen in Deutschland bereits in sechs Jahren 2,4 Millionen Arbeitskräfte, 2030 werden es sogar bis zu 10 Millionen fehlende Fachkräfte sein.

Hohes demografisches Risiko in Deutschland

Im internationalen Vergleich bescheinigen die BCG-Experten Deutschland ein hohes demografisches Risiko, das negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben könnte. „Diese Zahlen zeigen einmal mehr, dass wir sehenden Auges in die Katastrophe rennen. Unternehmen müssen ihre Personalstrategie dringend an diese Entwicklungen anpassen. Verbände können ihren Mitgliedsunternehmen dabei beratend zur Seite stehen“, kommentiert Kopmann die Zahlen. Besonders gravierend stellt sich die Situation in den sogenannten MINT-Berufen dar. Dort fehlen deutschen Unternehmen laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln aktuell rund 117.000 Arbeitskräfte. Die demografische Entwicklung in der Bundesrepublik droht, die Problematik weiter zu verschärfen. Demnach sinkt das Angebot an Arbeitskräften bis 2025 um 3,5 Millionen. „Angesichts dieser Zahlen setzt die Rente mit 63 die falschen Anreize und gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft“, urteilt Kopmann.

Die Wirtschaftsverbände in Deutschland kennen die Probleme, die Rentenwelle und Fachkräftemangel für ihre Mitgliedsunternehmen bedeuten, nur allzu gut. Sie sehen sich zunehmend in der Pflicht, ihren Verbandsmitgliedern bei der Rekrutierung von Personal und dem Wissenstransfer zur Seite zu stehen. Eine Branche, die in besonderem Maße von der neuen Rentenpolitik betroffen ist, ist die Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie weist im Vergleich einen relativ hohen Anteil älterer Beschäftigter auf, die in nächster Zeit ins Vorruhestands- und Rentenalter kommen. Knapp 30 Prozent der Beschäftigten sind älter als 54 Jahre. In den rentennahen Jahrgängen, also in der Altersgruppe der 59- bis 63-Jährigen, sind es rund 14 Prozent. „Wenn ältere Beschäftigte sich in den Ruhestand verabschieden, geht unseren Unternehmen das Fachwissen erfahrener Mitarbeiter verloren. Wir stehen vor einem Altersübergangsproblem und damit vor einem Wissenstransferproblem“, erklärt Dr. Markus Ostrop, Hauptgeschäftsführer der Verbände Südwesttextil e.V. sowie Gesamtmasche e.V.

Silver Workers – viele Menschen wollen eigentlich länger arbeiten

Mit ihrer langjährigen Erfahrung kommt älteren Arbeitnehmern dabei eine Schlüsselstellung für die Zukunftsfähigkeit der betroffenen Unternehmen zu. Denn obwohl die Rente immer früher kommt, wollen viele Menschen eigentlich länger arbeiten. Die neue Rentenpolitik ignoriert den wachsenden Wunsch immer mehr älterer Arbeitnehmer, über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus ihrem Beruf nachzugehen. Schon heute gehen laut Bundesagentur für Arbeit rund eine Million Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, einer Beschäftigung nach. Die Steigerungsraten sind bei den sogenannten Silver Workers so rasant wie in keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Der Trend ist Ausdruck eines neuen Lebensgefühls der älteren Generation. Wohl nie zuvor waren Senioren so gesund und aktiv wie heute. Ein Rückzug aus dem Berufsleben ist für viele daher unvorstellbar. So gibt in einer aktuellen Umfrage fast jeder Zweite der 55-Jährigen an, dass er gerne im Ruhestand projektweise weiterarbeiten möchte. Vor allem hoch qualifizierte Fach- und Führungskräfte wollen sich demnach gar nicht zur Ruhe setzen beziehungsweise weiter über Teilzeitmodelle oder Ähnliches tätig sein. Für Personalmanager rücken ältere Arbeitnehmer darum immer stärker in den Fokus. Sie können dazu beitragen, den Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften zu mindern. Verbände sehen sich zunehmend in der Pflicht, ihre Mitgliedsunternehmen bei der Einbindung älterer Beschäftigter zu unterstützen.

Dies ist besonders wichtig, weil Silver Worker spezielle Anforderungen an ihre Arbeitgeber stellen. „Die meisten Senioren wollen nicht in Vollzeit verfügbar sein, sondern nur noch 15 bis 20 Stunden in der Woche arbeiten“, erklärt Demografieforscherin Victoria Büsch, Direktorin beim Silver Worker Research Institute an der SRH Hochschule Berlin. Die Unternehmen sehen sich daher in der Pflicht, flexible Arbeitszeitmodelle für ihre älteren Beschäftigten zu entwickeln, wenn sie diese langfristig an ihren Betrieb binden möchten. Eine Personalpolitik, die diese Aspekte aufgreift, kann dazu beitragen, dass wertvolles Know-how langjähriger Beschäftigter nicht schlagartig unwiederbringlich verloren geht. „Unsere Mitgliedsunternehmen suchen vor allem nach erfahrenen Mitarbeitern, die über Kompetenzen in den technischen Bereichen der Strickerei, Weberei oder der Textilveredlung verfügen. Nur so kann der Wissenstransfer in unseren Mitgliedsunternehmen gelingen“,
so Dr. Markus Ostrop.

Aber wie lassen sich ältere Fach- und Führungskräfte rekrutieren, die den ganz konkreten Personalanforderungen der Unternehmen gerecht werden? Üblicherweise greifen Personaler dabei auf die Unterstützung externer Personalberatungsunternehmen zurück oder wenden sich mit ihrem Anliegen an die Bundesagentur für Arbeit. Dass es heutzutage auch anders geht, zeigen die Verbände Südwesttextil und Gesamtmasche. Sie nutzen seit über einem Jahr das Online-Netzwerk Masterhora, um ihren Verbandsunternehmen Zugang zu aktiven Ruheständlern aus ihrer Branche zu ermöglichen. Ziel dieser Plattform ist es, ältere Fach- und Führungskräfte und Unternehmen miteinander zu vernetzen. Südwesttextil betreibt mithilfe von Masterhora seit über einem Jahr einen eigenen textilen Online-Campus. Den digitalen Campus „stay textile“ können Mitgliedsunternehmen nutzen, um kontinuierlich Kontakt zu ihren ehemaligen Mitarbeitern zu halten, sie mit Informationen zu versorgen und sie im Bedarfsfall für Projekte zu rekrutieren. „Große Unternehmen wie Daimler oder Bosch zeigen mit eigenen Lösungen, wie gewinnbringend es sein kann, mit den eigenen Ruheständlern im professionellen Kontakt zu bleiben. Für Mittelständler war es bislang viel zu aufwendig, so etwas ebenfalls anzugehen. Hier bieten wir nun eine funktionale und einfache Möglichkeit“, sagt Marion Kopmann von Masterhora. Die Verbandsunternehmen profitieren von dieser Idee, da sie problemlos und ohne großen Aufwand qualifizierte, erfahrene Arbeitskräfte aus ihrer Branche aufspüren und für bestimmte Projekte rekrutieren können. „Mit ‚stay textile‘ stellen wir unseren Mitgliedern eine Plattform zur Verfügung, mit der sie ihre Altersübergangsprobleme auf zeitgemäße Weise lindern können“, erklärt Markus
Ostrop.

Fazit

Der demografische Wandel wird die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren branchenübergreifend vor große Herausforderungen stellen. Dadurch wächst der Druck auf Unternehmen und Verbände, diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Eine zukunftsweisende Personalpolitik wird ältere Arbeitnehmer in der Planung wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Unternehmen und Verbände, die durch innovative Maßnahmen das Potenzial älterer Beschäftigter nutzen, haben dabei einen klaren Wettbewerbsvorteil. Sie können auf ein reichhaltiges Angebot erfahrener Fach- und Führungskräfte und deren Expertenwissen zugreifen. Dadurch können sie die Chancen der demografischen Entwicklung nutzen. Damit dies gelingt, ist jedoch ein Umdenken in Politik und Gesellschaft nötig. Die Politik muss geeignete Rahmenbedingungen mit flexiblen Rentenmodellen schaffen, damit ältere Arbeitnehmer bessere Voraussetzungen vorfinden, auch im Rentenalter einer Beschäftigung nachzugehen. Marion Kopmann fasst dies so zusammen: „Das Bild der älteren Menschen muss sich ändern – sozial wie wirtschaftspolitisch. Die Gesellschaft muss angesichts der demografischen Entwicklung schnellstens das Potenzial älterer Arbeitnehmer erkennen und ihnen durch flexible Rentenregelungen die Möglichkeit geben, sich wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern zu können.“

© 2014 Verbändereport
Erschienen im Verbändereport 08|2014, am 05.11.2014
Nachdruck - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages