Debatte über Arbeitszeitausweitungen / Längere Arbeitszeiten weder familien- noch weiterbildungsfreundlich
(Düsseldorf) - Undifferenzierte Arbeitszeitverlängerungen könnten dazu beitragen, die künftigen demographischen Probleme zu verschärfen. Darauf weist Dr. Hartmut Seifert hin, Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. "Man darf bei der Arbeitszeitdiskussion nicht vernachlässigen, wie stark sich die Struktur der Arbeitszeiten in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert hat. Außerdem dürfen die familien- und weiterbildungspolitischen Anforderungen nicht ausgeblendet werden", sagt der Wissenschaftler.
Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland im europäischen Vergleich mittlerweile sehr flexibel arbeiten. 51 Prozent der Beschäftigten sind zumindest gelegentlich zu so genannten "atypischen" Zeiten tätig, also am Samstag, am Sonntag oder in der Nacht. Anfang der neunziger Jahre lag dieser Wert noch deutlich niedriger. Gewachsen sind auch Arbeitsdichte und Stress - gerade auch im öffentlichen Dienst, wie etwa die Personalrätebefragung des WSI zeigt.
"Wenn in dieser Situation die Arbeitszeiten wieder absolut ansteigen, wird es für die Beschäftigten noch schwerer, Berufstätigkeit und Familie zu vereinbaren und mehr Zeit für die Weiterbildung aufzubringen", sagt der Wissenschaftler. Beide Anforderungen seien aber angesichts sinkender Geburtenraten und geplanter steigender Lebensarbeitszeiten unverzichtbar. So gaben in einer vom WSI durchgeführten Befragung von 2000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Kindern oder regelmäßigen Pflegeaufgaben drei Viertel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen an, ihre Arbeitszeit gern verkürzen zu wollen.
"Generelle Ausweitungen der Wochenarbeitszeit wirken sich damit nicht nur in der Gegenwart negativ auf die Beschäftigung aus", so Dr. Seifert. "Sie reduzieren auch unsere Möglichkeiten, auf die demographische Herausforderung zu reagieren." Deshalb sollte der Ansatz in eine andere Richtung gehen, empfiehlt der Arbeitszeit-Experte. Überlegenswert seien Lebensarbeitszeitmodelle, die auch Raum für die Familie und für zusätzliche Weiterbildungszeiten lassen.
Quelle und Kontaktadresse:
Hans-Böckler-Stiftung
Rainer Jung, Leiter, Pressestelle
Hans-Böckler-Str. 39, 40476 Düsseldorf
Telefon: (0211) 77780, Telefax: (0211) 7778120
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